Geschichte der Raiffeisenkasse Obervinschgau Gen.

Der 3. Juni 1895 ist ein besonderer Tag in der Geschichte des Obervinschgau. An diesem Tag wurde der „Spar- und Darlehenskassenverein“ in Langtaufers gegründet. Sie war die 67. Kasse der bis 1925 137 gegründeten Kassen in Südtirol.
Eine Handvoll tatkräftiger Männer aus Langtaufers unter der Obmannschaft von Christian Hohenegger vom Weiler Pratzen gründeten die erste Genossenschaftsbank im Obervinschgau. Für den Kuraten Franz Habicher waren die Ideen des Sozialreformers Friedrich Willhelm Raiffeisen und Hermann Schulze-Delitzsch eine interessante Idee um die Entwicklung des Gebietes zu unterstützen. Unter seiner Unterstützung wurde von Christian Hohenegger die erste Vollversammlung einberufen.

Die damalige Raiffeisenkasse hatte bei Ihrer Gründung bereits 22 Mitglieder. Besonders hervorzuheben ist, dass bereits 1895 die Bäuerin Rebecka Folie als weibliches Mitglied ihr Stimmrecht wahrnehmen konnte. Wenn man bedenkt, dass in Österreich das allgemeine Wahlrecht der Frauen erst 1918 zum Tragen kam, war der Darlehensverein auch in dieser Hinsicht innovativ.

Gründungsvorstand
Obmann: Christian Hohenegger - Pratzen
Obmannstellvertreter: Josef Plangger - Wies
Vorstände: Peter Patscheider - Riegl, Johann Stecher - Peif, Lorenz Stecher - Zerkaser
Aufsichtsräte: Josef Patscheider - Kappl, Johan Thöni - Poschn, Johann Hohenegger - Pazin

Zwei Jahre nach der Gründung der des „Spar- und Darlehenskassenverein“ in Langtaufers ist die Gründung der Raiffeisenkasse in Graun gefolgt. Ihr saß der fromme und besonders hilfsbereite Franz Waldner als Obmann vor. Auch in Graun hatte die Geistlichkeit bei der Gründung der des Darlehenskassenvereins eine große Rolle gespielt.

Harte Zeiten am Land
Vor allem aufgrund der hohen Zinsen und der hohen Verschuldung war diese Zeit für viele Menschen ein harte Zeiten. Überlieferungen sprechen von Verzinsungen von bis zu 100 Prozent. Durch die immer mehr an Bedeutung gewinnende Brennerlinie war der Obervinschgau bereits damals verkehrstechnisch ungünstig gelegen und die Einnahmequellen waren somit rar. Auch der Austausch mit anderen Gebieten war, dadurch relativ beschränkt.

Kein eigenes Gebäude
Das Kassenlokal der Kasse in Langtaufers befand sich im Gasthaus Schwarzer Adler in Kapron, wo einmal in der Woche nach der Sonntagsmesse der Service der Bankdienstleistung durch den Zahlmeister Peter Stecher angeboten wurde. Um Hilfe zur Selbsthilfe zu betreiben hat es bereits damals kein eigenes Gebäude benötigt. Obmann und Zahlmeister hatten in den Räumlichkeiten einen Geldschrank und hörten sich die Anliegen der Mitglieder an. Nach Bedarf wurden diese dem Vorstand zur Entscheidungsfindung vorgelegt und daraufhin unkompliziert geholfen Vorhaben zu verwirklichen.

Die Kasse in Graun hatte Ihr Lokal vorerst in der Stube des ersten Obmannes Franz Waldner, daraufhin übersiedelte die Kasse in das Haus des Zahlmeisters Prieth Alois. Mit der Obmannschaft von Stecher Josef ist der Geldschrank der Raiffeisenkasse Graun auf das Gehöft Tschoggen, in mitten der saftigen Wiesen und heute in der Mitte des Reschensees umgezogen. Der Hof des damaligen Obmanns fiel der Seestauung als erstes Haus von Graun zum Opfer. Die Gebäude am Reschensee und am Mittersee musten bereits früher verlassen werden und verursachten somit eine Landflucht mit enormen finanziellen Folgen für das Gebiet.

Unterstützung anderer Raiffeisenkassen durch die Raiffeisenkasse Langtaufers
Durch die vielen Krisen nach der Jahrhundertwende des vorigen Jahrhunderts waren auch die Raiffeisenkassen zum Teil in Bedrängnis. Die Raiffeisenkasse Langtaufers hatte damals einen ausgesprochen guten Stand. Somit konnte den Raiffeisenkassen Graun, Reschen, St. Valentin und Latsch Kredite bewilligt werden. Nicht all diese Kredite sind jedoch durchgeführt worden. Der Gedanke der gegenseitigen Unterstützung und des für einander Einstehens, war bereits damals über die Kirchtürme hinaus aktiv gelebt worden.

Ehrenamtlichkeit
Menschlichkeit und christliche Nächstenliebe waren Werte, die bei der Gründung der Kassenvereine im Obervinschgau eine zentrale Rolle spielten. Die Kreditnehmer konnten sich durch die Kassenvereine über einen erträglichen Zinssatz finanzieren und aus den Fängen des Wuchers zu befreien. Im Zentrum der Bemühungen war, die Kreditnehmer in die Lage zu bringen, seine wirtschaftlichen Schwierigkeiten selbst in den Griff zu bekommen. Aus eigener Kraft Probleme zu überwinden und durch sinnvolle Investitionen Wohlstand zu erreichen prägten den genossenschaftlichen Gedanken.

Die ehrenamtliche Arbeit der Verwaltungs- und Aufsichtsräte spielte dabei eine besondere Rolle. Mandatare und Mitglieder standen gemeinsam mit Ihrem Vermögen für die Bank ein. Oft traten einzelne Mandatare auch als Bürgen für Mitglieder ein.

Einige wichtige Jahrzahlen mit besonderen Ereignissen

1895: Gründung des Spar- und Darlehensvereins Langtaufers
1897:  Gründung des Spar- und Darlehensvereins Graun
1905:  Gründung des Spar- und Darlehensvereins Burgeis
1905: Gründung des Spar- und Darlehensvereins St. Valentin 
1905: Gründung des Spar- und Darlehensvereins Schleis
1906:  Gründung des Spar- und Darlehensvereins Reschen
1911:  Gründung des Spar- und Darlehensvereins Mals
1941:  Liquidierung der Raiffeisenkassen Mals, Burgeis, St. Valentin u. Plawenn und Schleis
1950:  Abwanderung zahlreicher Mitglieder aufgrund der Reschenseestauung
1969:  Wiedereröffnung Schalter St. Valentin
1971:  Wiedereröffnung Schalter Burgeis
1980:  Einweihung Hauptsitz St. Valentin
1980:  Fusion Raiffeisenkasse Graun mit Langtaufers mit Umbenennung auf Obervinschgau
1981:  Einweihung Hauptsitz Raiffeisenkasse Reschen 
1992:  Wiedereröffnung Schalter in Mals
1994:  Fusion Raiffeisenkasse Obervinschgau mit Raiffeisenkasse Reschen
1995:  Schließung Filiale Langtaufers Verlegung Schaltertätigkeit nach Graun
2007:  Umbau Hauptsitz St. Valentin 
2010:  Kauf und Umbau Filiale Mals 
2014:  Initialisierung der Vinschger Berglandwirtschaftstage
2015:  Schließung Filiale Graun Verlegung Schaltertätigkeit nach Reschen und St. Valentin
2015:  Einführung Wirtschaftsförderungspaket  
2015:  Initialisierung Wirtschaftsbeiratsgespräche

Näheres zur Raiffeisenkasse Graun
Die fünf Männer, die den ersten Vorstand bildeten, sind im Protokoll festgehalten.

Es waren dies:

Franz Waldner Obmann
Josef Stecher Obmannstellvertreter
Peter Prieth Vorstandsmitglied
Martin Plangger Vorstandsmitglied
Kassian Blaas Vorstandsmitglied

Dem ersten Aufsichtsrat gehörten an:
Pfarrer Michael Winkler, Obmann
Josef Schöpf, Maurer und
Anton Hölbling, Müller

Als Zahlmeister wählte die Versammlung den Oberlehrer von Graun, Josef Patscheider. Der junge Verein, der vorerst im Hause von Obmann Waldner untergebracht war, erwarb sich schnell das Vertrauen der Bevölkerung. Immer neue Mitglieder schlossen sich ihm an, insgesamt 69 waren es im ersten Jahr.

Bald wurde er zum Mittelpunkt des wirtschaftlichen Geschehens. 1900 fand schon die erste Währungsänderung statt, und zwar von Gulden in Kronen. Das Wertverhältnis zwischen Gulden und Kronen stand 1 zu 2. Ab 1 Jänner 1900 mußte die Rechnungslegung in Kronen erfolgen.

Fünf Jahre später betrugen die Einlagen bereits 150.000 Kronen. Die Zahl der Mitglieder war 10 Jahre später auf 105 angestiegen. Wer in den alten Protokollen blättert, der gewinnt ein Bild der wirtschaftlichen Lage jener Zeit, die insgesamt für viel härter war als heute. Die Landwirtschaft, bestehend aus vielen kleinen Betrieben, sowie Handel und Handwerk fristeten ein bescheidenes Dasein.

Der erste Weltkrieg griff dann tief in die Entwicklung der Raiffeisenkasse ein.
Mit Stichtag 19. April 1919 verlor die Krone ihre Eigenschaft als gesetzliches Zahlungsmittel. Der Wechselkurs für eine Krone betrug 40 Centesimi und hätte demzufolge eine Senkung von 60% der in Kronen ausgedrückten Preise auslösen müssen. Dem war aber nicht so, sondern , was früher 10 Kronen kostete, kostete dann 10 Lire. Die Schuldner beeilten sich, ihre Verbindlichkeiten noch schnell in Kronen zu begleichen, denn die im letzten Moment bezahlten Kronen galten ja nur mehr 40 Centesimi. Was die Schuldner damals noch gewonnen hatten, büßten die Gläubiger ein.
Die Geldentwertung der Jahre nach dem Krieg stieß alle Vorstellungen solider Wirtschaftsführung um. Annexion und Faschismus brachten manch schmerzliche Veränderungen, die auch das Wirtschaftsleben zum Erliegen brachte.

1927 stand die Kasse in einer sehr schwierigen und unglücklichen Lage, welche, dank der Entscheidung der damals insgesamt 105 Mitglieder, noch überwunden werden konnte.
Die ungeheuer schweren Zeiten der Dreißiger Jahre konnte die Kasse dank ihrer sparsamen und vorsichtigen Geschäftsführung ohne nennenswerte Verluste überstehen. Allerdings rissen die unseligen Jahre der Option eine schmerzliche Lücke in die Reihen der Mitglieder, die 1942 auf insgesamt 96 zusammengeschrumpft war.

Die Einlagen waren auf einem Tiefstand von knapp 1,5 Millionen angelangt.
Die durch Krieg und Friedensvertrag entstandene kritische Lage in Südtirol begann sich zu normalisieren. Das schlimmste schien überstanden. Auch für die Wirtschaft, die sich aus ihrer Lethargie erholte. Es folgten Jahre des Aufschwungs, die sich auch in Graun positiv niederschlugen. So liest man in der Dorfchronik von Graun jener Jahre: "Die Bewohner stehen in ihrer Existenz gesichert da, alle haben sie die Wirtschaftskrise der Dreiß iger Jahre glücklich überstanden, die wirklich Bedürftigen der Gemeinde kann man leicht an den Fingern einer Hand aufzählen. Mit ihren 1000 Stück Schweizer Braunvieh und 90 Pferden ist Graun immer noch führend in Südtirol. Dieser Erfolg ist die Krönung der hundertjährigen Bemühungen groß an Opfer an Schweiß, Fleiß und Geld."
Den Graunern blieb aber nur wenig Zeit, sich ihrer gesicherten Existenz zu freuen und Zukunftspläne zu machen. Denn neues Unheil braute sich über dem Dorfe zusammen, schlimmer und tragischer noch als alles bisherige, ein Schicksalsschlag, der auch der Raiffeisenkasse an den Lebensnerv ging: die Seestauung.

Die Folgen die sich für die Gemeinde Graun ergaben beschreibt Heinrich Hohenegger wie folgt:

Sie verlor durch die Seestauung im Jahre 1948/1949 neun Zehntel ihres Wiesengrundes, den ihre Vorfahren unter schwersten Opfern dem See und den Muren des Karlinbaches entrissen hatten. Darüberhinaus verlor man das gesamte Ackerfeld, das sich dort befand, wo heute die neue Dorfsiedlung sich schmiegt. Durch Zahlen belegt, ergibt sich folgendes Bild: Von den 120 selbständigen Wirtschaftsbetrieben vor der Stauung blieben nur mehr 30 existenzfähige übrig. Und für diese mußte das Futter aus weit entlegenen, meist gepachteten oder teuer erworbenen Wiesen herbeigeholt werden. Es ist deshalb nicht zu verwundern, daß von 120 Bauernfamilien 60 die alte Heimat verlassen haben, da ihnen nichts mehr geblieben war. Ganze 50 zogen in die neue Siedlung am sonnigen Hang, auf dem einst die schönsten Äcker lagen. Zum Abschied von der Urväterheimat und den vertrauten Nachbarn trat das unsichere Los der Zukunft.

Das Schicksal des Dorfes griff auch tief in die Entwicklung der Raiffeisenkasse ein. Einmal durch die Mitglieder, denn viele von ihnen hatten ihr Hab und Gut verloren und waren gezwungen, sich außerhalb Grauns eine Existenz zu suchen. 1950 wurden noch 65 Mitglieder gezählt, das war der niedrigste Stand seit dem Gründungsjahr. Die Vollversammlung 1950 zählte noch 15 anwesende Mitglieder und war somit die schlechtest besetzte Vollversammlung. Die prekäre Lage zeigt folgende Anmerkung im Protokoll: "Mit ihrer Abwanderung verlassen sie nicht nur ihre Heimat, sondern auch alle damals bestehenden Genossenschaftseinrichtungen und Vereine, welche dadurch alle vor einem nahen Verfall standen." Um den Weiterbestand der Kasse zu sichern, sah man sich gezwungen, die noch verbliebenen Grauner als Mitglieder zu werben.

Ein weiterer Umstand brachte die Kasse in arge Bedrängnis: "Die, welche die Heimat verlassen mußten, nahmen auch ihre Ersparnisse mit."
Verfügte die Kasse 1950 noch über 243 Millionen Einlagen (Kredite 57 Millionen), so waren es vier Jahre später noch 129 Millionen. Eine gegensätzliche Entwicklung zeigte sich bei den Krediten, die auf 90 Millionen hinaufschnellten. Damit war die Kasse zweifellos an der Grenze ihrer Leistungsfähigkeit angelangt. Doch sie scheute nicht das Risiko, das Gebot der Stunde hieß für sie: helfen. Die Menschen standen vor dem Nichts, sie mußten wieder von vorne anfangen, sie brauchten Geld, um eine neue Existenz aufzubauen.
Die Kasse war ein verläßlicher Gradmesser für die wirtschaftliche Stimmung. 1955 zeigte sich, daß das Schlimmste überstanden war. Die Ansässigen hatten sich dem Unvermeidlichen gefügt.
Die Wunden begannen allmählich zu vernarben, man dachte wieder an morgen. Auch für die Kasse brachen nun ruhigere Zeiten an. Die Lücken, die die Abwanderung in die Reihen der Mitglieder gerissen hatte, schlossen sich allmählich. 1963 betrug ihre Anzahl wieder 120. Die Einlagen waren auf über 400 Millionen angestiegen, die Kredite auf über 200 Millionen und der Gesamtumsatz auf über 3 Milliarden.

Viele Jahre mußte die Raiffeisenkasse ohne festen Sitz auskommen. Ein eigenes Zuhause fand sie erst im Jahre 1963. Bis dahin war sie in den verschiedensten Häusern Altgrauns einquartiert. Zuerst beim Gründungsobmann Waldner (von 1897 bis 1925 ), von wo sie ins Haus des Geschäftsführers, Prieth Alois, Apsl (1925-1927) übersiedelte. Von 1927 bis zur Seestauung war sie dann im Tschoggenhof, im Haus des Geschäftsführers, Josef Stecher, untergebracht.

Infolge der ersten Stauphase 1949 mußte der Tschoggenhof verlassen werden, man bezog vorübergehend für die Zeit eines Jahres im alten Dorf ein Haus, das wegen Abwanderung bereits geräumt worden war. Ein weiteres Jahr lang diente, wie so vielen Graunern die vorübergehend obdachlos geworden waren, ein Barackenbau als Unterkunft. 1952 fand sie dann im neuerbauten Tschoggenhof eine neue Bleibe, bis sie schließlich 1963 ins eigene Haus in Neugraun übersiedeln konnte.
Für die Raiffeisenkasse, die in all den Jahren an der Seite der Mitglieder gegen Not und Entbehrung für eine bessere Zukunft gekämpft hatte, kam in den sechziger Jahren der große Aufschwung.
1969 wurde der Schalter in St. Valentin und zwei Jahre später jener von Burgeis eröffnet. Die gesunde Entwicklung der Kasse bewies der Jahresbericht für 1971, in dem die Einlagen erstmals die Ein-Milliarden-Grenze erreichten und zwei Jahre später, 1973, sich um eine weitere Milliarde erhöhten.

Die Raiffeisenkasse Graun wurde im Zuge der Verschmelzung mit der Raiffeisenkasse Langtaufers im Jahre 1980 in die "Raiffeisenkasse Obervinschgau" umbenannt.
Im April 1980, nach 20-monatiger Bauzeit, konnte der Schalterbetrieb in St. Valentin im eigenen neuen Haus aufgenommen werden. Vorher war die Filiale in St. Valentin seit Schaltereröffnung im Jahre 1969 im Haus des Altbürgermeisters, Herrn Dr. Karl Stecher untergebracht.

Bei der Fusion mit der Raiffeisenkasse Reschen hatte die Raiffeisenkasse Obervinschgau 29,3 Mrd Lire Kredite an KUnden, 34,5 Mrd Lire eigene Wertpapiere, 2 Mrd. Sachanlagen und 3,6 Mrd. sonstige Vermögenswerte. Die einlagen beliefen sich auf 54 Mrd,4 und 7,2 Mrd Obligationen, 21,9 Mrd. sonstige Verbindlichkeiten sowie ein Eigenkapital von 9 Mrd. Lire. Die Bank hatte eine Bilanzsumme von 75 mrd. Lire und 1994 einen Gewinn von 1,9 Mrd Lire.

Näheres zur Raiffeisenkasse Reschen
Mit der Gründung der Raiffeisenkasse Reschen im Jahre 1906 entstand die vierte Raiffeisenkasse in der heutigen Gemeinde Graun. Im Gegensatz zu vielen anderen Raiffeisenkassen hat die Raiffeisenkasse Reschen die Weltkriege und Wirtschaftskrisen des vorigen Jahrhunderts gut überstanden. Als die neue Grenze am Reschenpass entstand, hat die Raiffeisenkasse neben dem Einlage- und Kreditgeschäft, vor allem durch den Geldwechsel eine wichtige Rolle gespielt. Die Raiffeisenkasse Reschen war die erste Raiffeisenkasse des Westens hinter der Grenze an der nahe gelegenen Schweiz und Österreich. 

Unter der Obmannschaft von Stecher Walter und der Direktion von Albert Folie konnte 1981 in Reschen ein vorbildlicher und auch heute noch ergonomischer Hauptsitz, mit allen Notwendigkeiten einer zeitgemäßen Bank eröffnet werden. Die Immobilie war damals ein zukunftsweisender Bau mit Kongresssaal, Sitzungssaal, Geschäftsführerwohnung und großzügig ausgestatteten Büroräumen. Neben dem Hauptsitz verfügte die Raiffeisenkasse auch über eine Immobilie an der Grenze am Reschenpass, welche fast ausschließlich als Geldwechselfiliale ihren guten Dienst tat.  
Heute beheimatet das Bankgebäude neben der Bankfiliale auch den Sitz des Tourismusverein der Ferienregion Reschenpass und die lokale Energiegenossenschaft Oberland genannt EGO. 
Die Raiffeisenkasse Reschen hat bei den historisch wesentlichen Entwicklungen des Skigebiets Schöneben eine tragende Rolle gespielt. 
Aus dieser Historie heraus wird die Zusammenarbeit der lokalen Aktiengesellschaft, welche mittlerweile die Skigebiete Schöneben und Haideralm betreibt, nach wie vor groß geschrieben.

1994 hat die Fusion zwischen der Raiffeisenkasse Obervinschgau und der Raiffeisenkasse Reschen stattgefunden. Seit diesem Zeitpunkt hat die Gemeinde Graun nur mehr ein lokales, jedoch in sich gestärktes Bankinstitut. Durch die Fusion konnte vor allem der Kundenstock bedeutend erweitert werden, zudem gingen auch die Infrastrukturen der Raiffeisenkasse Reschen auf die Raiffeisenkasse Obervinschgau über. Im Detail wurden von der Raiffeisenkasse Reschen 5,9 Mrd Lire Kredite an Kunden, 1,6 Mrd Kredite an Kreditinstitute, 0,7 Mrd. Sachanlagen und 4,2 Mrd Lire Staatspapiere sowie auf der Passiva 11,4 Mrd Lire und ca. 3 Mrd. Eigenkapital eingebracht. Die Bank hatte eine Bilanzsumme von 15 Mrd. Lire und 1994 einen Gewinn von 74 Mio. Lire.

Nach dieser Fusion hatte die Raiffeisenkasse ein homogenes und in sich geschlossenes Tätigkeitsgebiet von Reschen bis Tartsch, Rojen bis Langtaufers und Schlinig bis Matsch.

Näheres zur Raiffeisenkasse Obervinschgau
Die Anfänge nach der Fusion der Raiffeisenkassen im oberen Vinschgau standen im Zeichen der wirtschaftlichen Expansion und der Förderung von Vereinen. In den Stoßzeiten hatte die Raiffeisenkasse 38 Mitarbeiter und war einer der größten Arbeitgeber im oberen Vinschgau. Durch den aufstrebenden Tourismus und auch dem florierenden Handwerk hatte die Banktätigkeit vor Ort an Bedeutung gewonnen. Zur Förderung der Regionalentwicklung wurde vor allem auf Spenden und Sponsorings für Vereine und Organisationen gesetzt. Dies sollte die Attraktivität des Gebiets mit relativ wenigen Einwohnern und 13 Fraktionen stärken und vor allem der Abwanderung Einhalt gebieten.

In den 90er Jahren hat die Raiffeisenkasse zudem einen besonderen Leistungsbeitrag in der "ersten Digitalisierungswelle" geleistet. Da der Umgang mit IT und EDV täglich Brot für die Mitarbeiter war, haben diese im Rahmen von Kursen, Private und Unternehmer in die Welt des Internets eingeführt. Zeitweilig hatte der Obervinschgau daraufhin mehr Internetanschlüsse und Webseiten als das gesamte Grödnertal.
In dieser Zeit wurde ein wichtiger Grundstein für die Musikschule St. Valentin und auch für die heutige Großveranstaltung "Reschenseelauf" gelegt. Ein besonderes Highlight dieser Zeit, welches auch sehr intensiv von Seiten der Raiffeisenkasse gefördert wurde, war die Leistungsschau der lokalen Handwerker "Interregio". Die Initiative wurde vom politischen Visionär Robert Koch Waldner ins Leben gerufen und bleibt den Generationen die diese Messen miterlebt haben in ausgesprochen guter Erinnerung.

Zu den aufgezählten Veranstaltungen gesellen sich noch einige andere Vereine, Institutionen und Veranstaltungen die von großer wirtschaftlicher Bedeutung sind und waren. Die positiven Entwicklungen waren nur von kurzer Dauer. Die beschränkte Ausweisung von Wohnbaugebieten und begrenzte Realisierung von Kondominien hat eine Abwanderung mit sich geführt. Auch die touristischen Initiativen dieser Zeit waren begrenzt, sodass man zu einem äußerst ungünstigen Zeitpunkt in die Finanzkrise einstieg. Unter der Obmannschaft von Johann Punt und der Direktion Kaserer Walter und Plangger Alfred wurde 2007 der Hauptsitz in St. Valentin erweitert und an die steigenden Mitarbeiterzahlen angepaßt.

Die Finanzkrise 
Die Zeit der Finanzkrise 2008 und die darauffolgenden Jahre haben im Gebiet und in der Raiffeisenkasse Obervinschgau große Veränderungen mit sich gebracht. Zahlreiche Handwerksbetriebe haben damals ihre Tore geschlossen. Die touristischen Betriebe investierten nur mehr zögerlich und das Handwerk war zwischenzeitlich gezwungen über die Grenzen hinweg tätig zu werden, um die Arbeitsplätze zu erhalten und den Verpflichtungen nachzukommen. Die Immobilienkrise aus Übersee hat sich auch auf das Gebiet im Obervinschgau niedergeschlagen. Vor allem betriebliche Immobilienwerte aber auch private Immobilienwerte hatten einen nie gewesenen Tiefstand erreicht. Dies hat sich bei der Verwertung der Immobilien stark negativ ausgewirkt.

2010 wurde das lange erwartete Projekt des Umbaus der Filiale in Mals umgesetzt. Der Hauptort des Obervinschgau hat seit diesem Zeitpunkt eine angemessene Filiale mit Schaltern und Beratungsbüros für alle Finanzbereiche.
Die schleichende Abwanderung der Bevölkerung, der Fachkräfte und Akademiker hat die Entwicklung des Gebiets beeinträchtigt. Es wurde eine Zeit eingeleitet in der auf die Auslastung öffentlicher und betrieblicher Strukturen mehr geachtet wurde. Zudem wurden auch von der Raiffeisenkasse Maßnahmen gesetzt die identitätsstiftend in Bezug auf unsere schöne Heimat waren. Aufwändige Werbekampagnen in Bezug auf das Ehrenamt, die Wiederaufnahme und Aufwertung der Kalenderprojekte sowie flankierende Schwerpunkte der Regionalentwicklung wurden damals von Seiten der Raiffeisenkasse gezielt gesetzt.
In dieser Zeit wurde die natürliche Fluktuation durch Pensionierungen und Austritte genutzt und die Struktur der Raiffeisenkasse an die wirtschaftlichen Gegebenheiten vor Ort angepasst. Aufgrund der fehlenden wirtschaftlichen Dynamik, wurde auch die Schließung der Filiale Graun und die Verlegung der Schaltertätigkeit nach Reschen und St. Valentin notwendig. Durch diese Entscheidung konnte der oben angeführte Personalabbau schrittweise umgesetzt und die Kostenstruktur angepasst werden.

Für diesen Zeitraum sind die Genossenschaftsgründungen im Sozial- und Energiebereich in der Gemeinde Mals und der Gemeinde Graun hervorzuheben. Es kann als kleines Revival der Genossenschaften im Gebiet gesehen werden. Landwirtschaftliche Genossenschaften und Energiegenossenschaften haben im Gebiet bereits eine längere Historie. Aufgrund des Kostendrucks im Tourismus sind in dieser Zeit auch die Fernheizwerkgenossenschaften sowie Biogasgenossenschaften entstanden und hatten auf das Gebiet eine stabilisierende Auswirkung. 

Wirtschaftlicher Aufschwung 
Seit 2015 konnte im Gebiet wiederum ein Aufschwung beobachtet werden, der sich auch schrittweise positiv auf die Genossenschaftsbank ausgewirkt hatte. Bereits in diesem Jahr wurde von der Raiffeisenkasse das Wirtschaftsförderungspaket mit ökonomischen, sozialen und ökologischen Schwerpunkten ins Leben gerufen. Die vergünstigten Finanzierungen des Wirtschaftsförderungspakets waren und sind nach wie vor darauf ausgerichtet die Transformation der verschiedenen Branchen und den Trends im Energiesektor vorzugreifen. Im Gemeindegebiet von Mals wurden die ersten positiven Impulse nach der Krise wahrgenommen. Vor allem in Burgeis und Schlinig-Amberg wurde eine stabilisierende Entwicklung aus touristischer und landwirtschaftlicher Hinsicht wahrgenommen. Der Hauptort des Obervinschgau Mals hat zu diesem Zeitpunkt für die Bank immer mehr an Bedeutung gewonnen. Wohnbau- und Sanierungsinitiativen haben diese wirtschaftliche Entwicklung in der Gemeinde Mals stark gestützt. Im Anschluss an die Wohnbauinitiativen der Gemeinde Mals wurden auch großflächige Wohnbauinitiativen in St. Valentin, Reschen, Graun und Langtaufers in Umsetzung gebracht, welche sich positiv auf die Abwanderungsraten ausgewirkt haben.

Der Wirtschaftliche Aufschwung war auch begleitet von Initiativen zur Aufwertung des Gemeinschaftsbesitztes. Die Raiffeisenkasse organisierte Veranstaltungen zur Motivation der Eigentümer von Gemeingütern zur antizyklischen Investition. Dabei wurde der Fokus vor allem auf die Aufwertung der Almen im Besitz der Interessentschaften und der Eigenverwaltungen gelegt. Es wurde jede Gelegenheit genutzt den Wert des Gemeinschaftsbesitzes hervorzuheben und vor allem Synergien zum Tourismus und der produzierenden Landwirtschaft zu suchen. Einige Almstukturen wurden in dieser Zeit aufwändig restauriert und für die Doppelnutzung vorbereitet. Für die Fraktionen waren dies teilweise hohe Investitionen mit überschaubaren Rückfluss. Die Identifikation zum Gebiet, zum Gemeinschaftsbesitz und die gesamtwirtschaftlichen Folgen daraus waren jedoch nicht von der Hand zu weisen.
In dieser Zeit wurde die Zusammenarbeit mit den Ausbildungsstätten wiederum intensiviert. Schwerpunkte dabei waren die Identifikation mit dem Gebiet und Arbeitsplätzen im Gebiet zu erhöhen, sowie auch gezielt Impulse zur finanziellen Bildung zu setzen.
Vor allem der Zusammenschluss zwischen den Skigebieten Schöneben und Haideralm im Jahr 2018 konnte im Gebiet zwischen Tartsch und Reschenpass die Stimmung im Tourismus, Handel und Handwerk enorm aufhellen. Die positiven Impulse entstanden aber nicht nur für den Tourismus, der Trend zur Tiergesundheit hat viele Landwirte dazu bewogen die Stallungen tiergerechter zu gestalten und der Fokus auf erneuerbare Energien hat Investitionen mit sich gebracht. Das Handwerk hatte in jeglicher Hinsicht durch die laufenden Investitionen aller Branchen wiederum einen guten Nährboden. 
Die Entwicklungszahlen der Raiffeisenkasse dieser Zeit spiegelten die Entwicklung des Gebietes 1:1 wider. Trotz positiver Entwicklungen und vieler guten Initiativen zählt das Gebiet noch zu den strukturschwachen Gebieten in Südtirol.

Die Coronakrise
Im März 2020 hat die Coronakrise die Welt in Atem gehalten. Auch der Obervinschgau blieb davon nicht verschont. Das für das Gebiet besonders wichtige Wintergeschäft war bis in den Frühling bzw. Frühsommer ausgeblieben. Diese Situation brachte so manchen Unternehmer in Bedrängnis. Durch massive Stundungsinitiativen und Überbrückungsfinanzierungen konnten in den Jahren 2020 und 2021 die Beeinträchtigungen durch die Krise leicht abgefedert werden. Die Fördersätze des Landes Südtirol und des Staates lagen  im Vergleich zum benachbarten Ausland weit tiefer. Es wurde aber beobachtet, dass die Förderungen 2020 und 2021 einen wesentlichen Beitrag geleistet haben, die Unternehmen vor Ort zu unterstützen. Das Kreditportfolio der Bank kam somit bisher von der Coronakrise unbeschadet davon.

Durch die gute Eigenkapitalisierung und vor allem durch die rührige Politik in den Gemeinden Graun und Mals sind wir der Meinung die Coronakrise gut zu überstehen. Dabei hilft uns, dass wir im Obervinschgau bereits seit langem auf die Schließung der lokalen Kreisläufe achten und das nachhaltige wirtschaften in der Landwirtschaft, der Forstwirtschaft, im Ehrenamt, im Energiesektor, bei der Verwaltung öffentlicher Nutzungsrechte und auch im Tourismus pflegen. Das von der Raiffeisenkasse Obervinschgau initierte Kalenderprojekt "nachhaltiger Obervinschgau" 2022, gibt einen besonderen Einblick in unser schönes Gebiet und die mit Enthusiasmus verfolgten Initiativen unserer Bevölkerung für eine bessere Zukunft.