Geschichte der Raiffeisenkasse Obervinschgau Gen.

Die fünf Männer, die den ersten Vorstand bildeten, sind im Protokoll festgehalten.

Es waren dies:

Franz Waldner Obmann
Josef Stecher Obmannstellvertreter
Peter Prieth Vorstandsmitglied
Martin Plangger Vorstandsmitglied
Kassian Blaas Vorstandsmitglied

Dem ersten Aufsichtsrat gehörten an:

Pfarrer Michael Winkler, Obmann
Josef Schöpf, Maurer und
Anton Hölbling, Müller

Als Zahlmeister wählte die Versammlung den Oberlehrer von Graun, Josef Patscheider.
Der junge Verein, der vorerst im Hause von Obmann Waldner untergebracht war, erwarb sich schnell das Vertrauen der Bevölkerung. Immer neue Mitglieder schlossen sich ihm an, insgesamt 69 waren es im ersten Jahr.

Bald wurde er zum Mittelpunkt des wirtschaftlichen Geschehens.
1900 fand schon die erste Währungsänderung statt, und zwar von Gulden in Kronen. Das Wertverhältnis zwischen Gulden und Kronen stand 1 zu 2. Ab 1 Jänner 1900 muß te die Rechnungslegung in Kronen erfolgen.

Fünf Jahre später betrugen die Einlagen bereits 150.000 Kronen. Die Zahl der Mitglieder war 10 Jahre später auf 105 angestiegen. Wer in den alten Protokollen blättert, der gewinnt ein Bild der wirtschaftlichen Lage jener Zeit, die insgesamt für viel härter war als heute. Die Landwirtschaft, bestehend aus vielen kleinen Betrieben, sowie Handel und Handwerk fristeten ein bescheidenes Dasein.

Der erste Weltkrieg griff dann tief in die Entwicklung der Raiffeisenkasse ein.
Mit Stichtag 19. April 1919 verlor die Krone ihre Eigenschaft als gesetzliches Zahlungsmittel. Der Wechselkurs für eine Krone betrug 40 Centesimi und hätte demzufolge eine Senkung von 60% der in Kronen ausgedrückten Preise auslösen müssen. Dem war aber nicht so, sondern , was früher 10 Kronen kostete, kostete dann 10 Lire. Die Schuldner beeilten sich, ihre Verbindlichkeiten noch schnell in Kronen zu begleichen, denn die im letzten Moment bezahlten Kronen galten ja nur mehr 40 Centesimi. Was die Schuldner damals noch gewonnen hatten, büß ten die Gläubiger ein.
Die Geldentwertung der Jahre nach dem Krieg stieß alle Vorstellungen solider Wirtschaftsführung um. Annexion und Faschismus brachten manch schmerzliche Veränderungen, die auch das Wirtschaftsleben zum Erliegen brachte.

1927 stand die Kasse in einer sehr schwierigen und unglücklichen Lage, welche, dank der Entscheidung der damals insgesamt 105 Mitglieder, noch überwunden werden konnte.
Die ungeheuer schweren Zeiten der Dreiß iger Jahre konnte die Kasse dank ihrer sparsamen und vorsichtigen Geschäftsführung ohne nennenswerte Verluste überstehen. Allerdings rissen die unseligen Jahre der Option eine schmerzliche Lücke in die Reihen der Mitglieder, die 1942 auf insgesamt 96 zusammengeschrumpft war.

Die Einlagen waren auf einem Tiefstand von knapp 1,5 Millionen angelangt.
Die durch Krieg und Friedensvertrag entstandene kritische Lage in Südtirol begann sich zu normalisieren. Das schlimmste schien überstanden. Auch für die Wirtschaft, die sich aus ihrer Lethargie erholte.
Es folgten Jahre des Aufschwungs, die sich auch in Graun positiv niederschlugen.
So liest man in der Dorfchronik jener Jahre: ÑDie Bewohner stehen in ihrer Existenz gesichert da, alle haben sie die Wirtschaftskrise der Dreiß iger Jahre glücklich überstanden, die wirklich Bedürftigen der Gemeinde kann man leicht an den Fingern einer Hand aufzählen.
Mit ihren 1000 Stück Schweizer Braunvieh und 90 Pferden ist Graun immer noch führend in Südtirol. Dieser Erfolg ist die Krönung der hundertjährigen groß en Opfer an Schweiß , Fleiß und Geld.
Den Gaunern blieb aber nur wenig Zeit, sich ihrer gesicherten Existenz zu freuen und Zukunftspläne zu machen. Denn neues Unheil braute sich über dem Dorfe zusammen, schlimmer und tragischer noch als alles bisherige, ein Schicksalsschlag, der auch der Raiffeisenkasse an den Lebensnerv ging: die Seestauung.

Die Folgen die sich für die Gemeinde Graun ergaben beschreibt Heinrich Hohenegger wie folgt:

Sie verlor durch die Seestauung im Jahre 1948/1949 neun Zehntel ihres Wiesengrundes, den ihre Vorfahren unter schwersten Opfern dem See und den Muren des Karlinbaches entrissen hatten. Darüberhinaus verlos man das gesamte Ackerfeld, das sich dort befand, wo heute die neue Dorfsiedlung sich schmiegt. Durch Zahlen belegt, ergibst sich folgendes Bild: Von den 120 selbständigen Wirtschaftsbetrieben vor der Stauung blieben nur mehr 30 existenzfähige übrig. Und für diese muß te das Futter aus weit entlegenen, meist gepachteten oder teuer erworbenen Wiesen herbeigeholt werden. Es ist deshalb nicht zu verwundern, daß von 120 Bauernfamilien 60 die alte Heimat verlassen haben, da ihnen nichts mehr geblieben war. Ganze 50 zogen in die neue Siedlung am sonnigen Hang, auf dem einst die schönsten Äcker lagen. Zum Abschied von der Urväterheimat und den vertrauten Nachbarn trat das unsichere Los der Zukunft.

Das Schicksal des Dorfes griff auch tief in die Entwicklung der Raiffeisenkasse ein. Einmal durch die Mitglieder, denn viele von ihnen hatten ihr Hab und Gut verloren und waren gezwungen, sich auß erhalb Grauns eine Existenz zu suchen. 1950 wurden noch 65 Mitglieder gezählt, das war der niedrigste Stand seit dem Gründungsjahr. Die Vollversammlung 1950 zählte noch 15 anwesende Mitglieder und war somit die schlechtest besetze Vollversammlung. Die prekäre Lage zeigt folgende Anmerkung im Protokoll: ìMit ihrer Abwanderung verlassen sie nicht nur ihre Heimat, sondern auch alle damals bestehenden Genossenschaftseinrichtungen und Vereine, welche dadurch alle vor einem nahen Verfall standenì.
Um den Weiterbestand der Kasse zu sichern , sah man sich gezwungen, die noch verbliebenen Grauner als Mitglieder zu werben.

Ein weiterer Umstand brachte die Kasse in arge Bedrängnis: Die, welche die Heimat verlassen muß ten, nahmen auch ihre Ersparnisse mit.
Verfügte die Kasse 1950 noch über 243 Millionen Einlagen (Kredite 57 Millionen), so waren es vier Jahre später noch 129 Millionen. Eine gegensätzliche Entwicklung zeigte sich bei den Krediten, die auf 90 Millionen hinaufschnellten. Damit war die Kasse zweifellos an der Grenze ihrer Leistungsfähigkeit angelangt. Doch sie scheute nicht das Risiko, das Gebot der Stunde hieß für sie: helfen. Die Menschen standen vor dem Nichts, sie muß ten wieder von vorne anfangen, sie brauchten Geld, um eine neue Existenz aufzubauen.
Die Kasse war ein verläß licher Gradmesser für die wirtschaftliche Stimmung. 1955 zeigte sich, daß das Schlimmste überstanden war. Die Ansässigen hatten sich ins Unvermeidliche gefügt.
Die Wunden begannen allmählich zu vernarben, man dachte wieder an morgen.
Auch für die Kasse brachen nun ruhigere Zeiten an. Die Lücken, die die Abwanderung in die Reihen der Mitglieder gerissen hatte, schlossen sich allmählich. 1963 betrug ihre Anzahl wieder 120. Die Einlagen waren auf über 400 Millionen angestiegen, die Kredite auf über 200 Millionen und der Gesamtumsatz auf über 3 Milliarden.

Viele Jahre mußte die Raiffeisenkasse ohne festen Sitz auskommen. Ein eigenes Zuhause fand sie erst im Jahre 1963. Bis dahin war sie in den verschiedensten Häusern Altgrauns einquartiert. Zuerst beim Gründungsobmann Waldner (von 1897 bis 1925 ), von wo sie ins Haus des Geschäftsführers, Prieth Alois, Apsl (1925-1927) übersiedelte. Von 1927 bis zur Seestauung war sie dann im Tschoggenhof, im Haus des Geschäftsführers, Josef Stecher, untergebracht.

Infolge der ersten Stauphase 1949 muß te der Tschoggenhof verlassen werden, man bezog vorübergehend für die Zeit eines Jahres im alten Dorf ein Haus, das wegen Abwanderung bereits geräumt worden war. Ein weiteres Jahr lang diente, wie so vielen Graunern die vorübergehend obdachlos geworden waren, ein Barackenbau als Unterkunft. 1952 fand sie dann im neuerbauten Tschoggenhof eine neue Bleibe, bis sie schließ lich ins eigene Haus in Neugraun übersiedeln konnte; das war 1963.
Für die Raiffeisenkasse, die in all den Jahren an der Seite der Mitglieder gegen Not und Entbehrung für eine bessere Zukunft gekämpft hatte, kam in den sechziger Jahren der groß e Durchbruch.
1969 wurde der Schalter in St. Valentin und zwei Jahre später jener von Burgeis eröffnet. Die gesunde Entwicklung der Kasse bewies der Jahresbericht für 1971, in dem die Einlagen erstmals die Ein-Milliarden-Grenze erreichten und zwei Jahre später, 1973, sich um eine weitere Milliarde erhöhten.

Die Raiffeisenkasse Graun wurde im Zuge der Verschmelzung mit der Raiffeisenkasse Langtaufers im Jahre 1980 in die "Raiffeisenkasse Obervinschgau" umbenannt.
Im April 1980, nach 20-monatiger Bauzeit, konnte der Schalterbetrieb in St. Valentin, welcher seit der Schaltereröffnung im Jahre 1969 im Haus des Altbürgermeisters, Herrn Dr. Karl Stecher, untergebracht war, im eigenen, neuen Haus aufgenommen werden.