„Genossenschaftliche Unternehmen sind ein Zukunftsmodell“
Prof. Theresia Theurl leitet das Institut für Genossenschaftswesen an der Universität in Münster und ist eine dezidierte Befürworterin der genossenschaftlichen Unternehmensform.
Frau Professor Theurl, was ist die klassische Definition einer Genossenschaft?
Theresia Theurl: Eine Genossenschaft ist die Zusammenarbeit von Menschen oder von Unternehmen, um Ziele erreichen zu können, die sie alleine nicht erreichen. Voraussetzung dafür ist, dass sie ihr Schicksal selbst in die Hand nehmen wollen und bereit sind, Verantwortung zu übernehmen. Das ist die klassische Form der Selbsthilfe.
Weshalb war diese Idee, die im 19. Jahrhundert entstanden ist, so erfolgreich?
Im 19. Jahrhundert gab es viele Umwälzungen und Veränderungen wirtschaftlicher, gesellschaftlicher und politischer Natur. Das hatte zur Folge, dass viele Menschen ihr Leben und ihre wirtschaftlichen Möglichkeiten neu definieren mussten. Viele Landbewohner sind in die Stadt gegangen, da sie in der Landwirtschaft kein Auskommen mehr hatten. Andere haben Gewerbe aufgebaut und dafür brauchte man Kredit. Dieser war ohne Sicherheiten - kaum zu erhalten, so dass diese Menschen Selbstinitiative ergriffen. Bauern oder Handwerker haben sich zusammengetan, um Banken aufzubauen, da sie sonst keinen Kredit bekommen hätten. Andere haben zusammen gearbeitet, um die notwendigen Lebensmittel zu organisieren oder um erschwingliche Wohnungen zu schaffen oder um landwirtschaftliche Produkte zu vermarkten.
Genossenschaften sind also aus der Not heraus geboren. Doch diese Not gibt es ja nicht mehr. Ist der ursprüngliche Gedanke noch vorhanden?
Dieser ursprüngliche Gedanke ist noch sehr stark vorhanden. Heute eben in anderen Bereichen. Bei den Energiegenossenschaften zum Beispiel oder im Gesundheitswesen. Dies sind zwar andere Märkte und Branchen, doch mit der Notwendigkeit neue Lösungen zu organisieren. Oder bei der Lebensmittelversorgung. Heute gibt es manche ländliche Gebiete, in denen die Lebensmittelversorgung der Bevölkerung nicht mehr sichergestellt ist. Menschen tun sich zusammen und gründen eine Genossenschaft, um diesen Missstand zu beseitigen. Nicht immer haben ältere Menschen ausreichende Zugangsmöglichkeiten zu einer Betreuung. Auch in solchen Fällen kooperieren Menschen und organisieren genossenschaftlich Gesundheitsdienstleistungen, die finanziell erschwinglich sind.
Gibt es nicht doch einen wesentlichen Unterschied und zwar jenen der Haftung? Ein Verwaltungsrat hat früher mit seinem eigenen Vermögen gehaftet.
Dies hat sich tatsächlich geändert. Es ist allerdings zu berücksichtigen, dass mit einer vollständigen Haftung viele Mitglieder nicht bereit wären in einer Genossenschaft mitzuwirken.
Welche Werte vertreten Genossenschaftsbanken?
Es gibt tatsächliche einige Werte, welche die Genossenschaftsbanken verkörpern und die heute sehr wichtig geworden sind. Einmal ist es die Thematik Sicherheit. Die Finanzmarktkrise hat gezeigt, dass Sicherheit vielen Menschen wieder als Wert bewusst wird. Genossenschaftsbanken dürfen manche riskante Geschäfte nicht machen. Kurzfristige Transaktionen, die nicht mit dem entsprechenden Eigenkapital unterlegt sind, sind nur eingeschränkt möglich. Somit weisen auch die Einlagen der Kunden eine höhere Sicherheit auf haben als andere.
Das zweite Beispiel ist die Nachhaltigkeit. Ein Problem im Zusammenhang mit der Finanzmarktkrise war ja, dass die meisten sehr kurzfristig gedacht haben. Viele Banken denken nicht sehr weit über das Quartal hinaus, können es in einem intensiven Wettbewerb nicht. Der langfristige Horizont, den man für Investitionen haben sollte, geht dabei verloren.
Weshalb sollte man Genossenschaftsbanken mehr vertrauen als anderen?
Vertrauen ist ein Wert. Persönliche Nähe ist eine Möglichkeit, einen Menschen und seine Vertrauenswürdigkeit einschätzen zu lernen. Hier weisen Genossenschaftsbanken einen großen Vorteil auf, da man die Bankmitarbeiter kennt; aber nicht nur von der Bank, sondern eben auch von anderen Aktivitäten im Dorfgeschehen oder im Stadtviertel. Schließlich geht es um die Identität. Bei großen, international tätigen Banken weiß man nicht immer, wofür die Bank steht und wer ihre Eigentümer sind. Bei Genossenschaftsbanken sehr wohl. Diese sind also regional verwurzelt, mit der Wirtschaft und der Gesellschaft in der Region verbunden und sie können auf eine lange Tradition verweisen.
Das heißt die Genossenschaft ist kein Auslaufmodell?
Genossenschaftliche Untenehmen sind ein Zukunftsmodell. Die Menschen wissen wenig darüber, deshalb glauben sie manchmal, dass es nicht mehr in unsere Zeit passt. Die Kommunikation darüber, was die besonderen Merkmale von Genossenschaften sind, wird noch viel wichtiger werden.
Die Genossenschaft passt nicht immer und überall, aber sie passt mmer dann, wenn Menschen sich unabhängiger machen wollen und dafür bereit sind, Initiative zu ergreifen.
Interview: Stefan Nicolini

