Neubau des Hauptsitzes der Raiffeisenkasse Kastelruth
Nach mehrjähriger Vorbereitungszeit und Ausloten von verschiedenen Möglichkeiten war im November letzten Jahres die Entscheidung für den Standort des neuen Raiffeisensitzes endgültig gefallen. Der neue Standort, der das Grund-stück entlang der Paniderstraße und Wegscheidstraße umfasst bietet endlich die Möglichkeit die Abteilungen der Bank welche in Telfen ausgelagert waren wieder unter einem Dach zusammenzuführen und ein kundenfreundliches und zeit-gemäßes Bankengebäude zu errichten.
Der aktuelle Hauptsitz am Krausplatz wird im Rahmen der seit kurzem möglichen Vertragsurbanistik der Gemeinde Kastelruth für die kommenden 40 Jahre zur Nutzung überlassen.
Im Herbst letzten Jahres wurden mehrere ansässige Architekturbüros zur Ausarbeitung von Studien eingeladen. Aus dem Auswahlverfahren welches von renommierten Experten wie dem Architekten A.G.Hempel begleitet wurde, gingen die beiden jungen Kastelruther Architekten Paul Senoner und Lukas Tammerle als Sieger hervor und wurden mit der Planung des neuen Sitzes beauftragt.
Die eigentlichen Bauarbeiten werden im Frühjahr 2009 beginnen, die Arbeiten für den Abbruch der Bestandsgebäude und die archäologischen Untersuchungen des Geländes werden beim Lesen dieser Zeilen bereits begonnen haben. Die Fertigstellung des Gebäudes sollte innerhalb 2011 erfolgen.
Gedanken zum Entwurf
Architekt Paul Senoner - Architekt Lukas Tammerle
„Wenn du ein Haus baust, denke an das Dorf.“ Dieses Zitat des Tessiner Architekten Luigi Snozzi ist ein wichtiger Grundsatz des Projektes. Die bauliche Eigenart eines Ortes zu Erkennen und daran anknüpfend weiterzubauen wird über die Anforderungen des einzelnen Gebäudes gestellt.
Unter Eigenart verstehen wir das Vorhandensein von typischen Bauformen und Baumaterialien eines Ortes, einer Ge-gend oder einer ganzen Region. Die bauliche Eigenart eines Ortes, die Materialität der Häuser, die Konstruktion und deren Maßstäblichkeit bilden das wesentliche, ortsprägende Erscheinungsbild.
Die Häuser im alten Dorfkern sind fest im Gelände verankert, keine Tiefgaragenzufahrten, Löcher, Schächte oder Ähnli-ches stören diese Verankerung - die Gebäude formen sich mit dem Gelände, nicht umgekehrt.
Die Eingänge der Häuser erfolgen direkt von den Gassen aus und sind bei den älteren Häusern im Dorf als Portale ausgebildet. Die Pflastersteine reichen bis an die Fassaden. Die Häuser sind organisch – lebendig, nicht streng geradli-nig – handwerklich eben. Die aus Stein gemauerten Häuser zeugen von Standfestigkeit und Dauerhaftigkeit. Die in Holz gearbeiteten Bauteile sind filigran, sparsam in den Querschnitten und mächtig wo notwendig. Das Fassadenprinzip der Lochfassade ist einheitlich, aber nicht die Fassaden selbst. Das gilt auch für die einheitlich verwendeten Baumaterialien: Stein, Kalkputz und Holz.
Der Bauplatz
Der Bauplatz befindet sich an einer städtebaulich wichtigen Stelle, am Übergang zwischen dem dicht bebauten, histori-schen Dorfkern und den Dorferweiterungen der letzten 40 Jahre. Eingegrenzt wird er von drei Straßenzügen, der Pani-derstraße, der Wegscheidstraße und der Oswald von Wolkensteinstraße. Er umfasst das Trockerhaus, die ostseitig an-gebaute Backstube und den Wiesenhügel hinter der Backstube.
Der Entwurf
Das Projekt für die neue Raiffeisenbank schöpft aus dem Fundus des Vorhandenen und respektiert die Grundregeln der Bauform des alten Dorfkerns. Der Entwurf definiert sich im Wesentlichen aus drei baulichen Eingriffen:
Das Trockerhaus an der Oswald von Wolkensteinstraße wird abgebrochen und rekonstruiert. Im Erdgeschoss werden Bankräumlichkeiten untergebracht, in den oberen Stockwerken werden Wohnungen errichtet.
Das eigentliche Bankgebäude wird als dreigeschossiger Baukörper entlang der Paniderstraße errichtet und klärt den städtebaulich wichtigen Übergang zwischen Dorfzentrum und Dorferweiterung. Das Bankgebäude verlängert die Gassenflucht der Paniderstraße / Dorfgasse, ist aber von der Straße leicht zurückgenommen - die enge Gassenflucht des Zentrums lockert sich zum Dorfausgang hin auf. Das gegen Norden abfallende Gelände aufnehmend hat das Gebäude eine asymmetrische Satteldachform. Dieser Dachabschluss ermöglicht eine richtige Höhenentwicklung der Traufen ent-lang der Paniderstrasse und ein gut nutzbares Dachgeschoss in Richtung Wegscheidstraße. Die so erreichte Dreige-schossigkeit des Gebäudes an der Panidertrasse ist eine wichtige Maßnahme den baulichen Maßstab des Dorfes wei-terzuführen.
Den letzten Baukörper bildet der eingeschossige Verbindungsbau, der zwischen Trockerhaus und Raiffeisengebäude eingeschoben wird und die Erdgeschosse beider Gebäude zu einem großen Bankbereich, den so genannten Marktplatz, verbindet. Es ergibt sich jene große Erdgeschosszone, die den Anforderungen der Bank am Besten gerecht wird. Der eingeschossige, extensiv begrünte Baukörper nimmt die Bauflucht der Wegscheidstraße auf und eine Baumreihe in der Straßenflucht verlängert diese bis zur Kreuzung.
Drei Eingänge verbinden das Erdgeschoß der Bank mit dem Dorf. Der Hauptzugang befindet sich an der Oswald von Wolkensteinstraße und führt direkt in die Schalterhalle der Bank, die im Erdgeschoß des Trockerhauses angesiedelt ist. Die weiteren Zugänge führen von der Paniderstrasse und der Wegscheidstraße in die Bank. Die drei Zugänge ermöglichen eine enge Verflechtung der Bank mit dem Dorf.
Für die Erschließung wird das Prinzip des öffentlichen Raumes im Ort, bestehend aus Plätzen, Gassen und Durchgängen in das Gebäude hinein geführt. Es entstehen unterschiedliche Räume, die auf die einzelnen Abteilungen abgestimmt sind.
Die große Erdgeschoßzone ermöglicht der Bank den gesamten, kundenorientierten Marktbereich funktional und angenehm auf einer Ebene unterzubringen.
Drei Innenhöfe im Erdgeschoss belichten und belüften die Büroräumlichkeiten und schaffen Ausblicke in die Umgebung, ohne die Fassaden durch übergroße Öffnungen zu verletzen. Die Innenhöfe werden mit Pflanzen geziert und werden so zu atmosphärischen Elementen im Marktbereich der Bank.

Der Freiraum zwischen dem Bankgebäude und der Kreuzung bei der Volksschule bleibt auch für die Zukunft erhalten. Die Geländekuppe wird abgeflacht und in die Umgebung eingebettet. In den Randbereichen des Grünraumes werden vier „strategische“ Bäume gepflanzt. Eine Baumreihe entlang der Wegscheidstraße wirkt der Lärm- und Staubbelastung an der Wegscheidstrasse entgegen, eine neu gepflanzte Linde an der Paniderstrasse markiert den Dorfeingang. Der Grünraum dazwischen wird abgetreppt und eingeebnet, mit Sitzbänken und einem Trinkbrunnen möbliert und so dem Ort als Rastplatz zurückgegeben.




