Krise hat Grenzen des Ratings aufgezeigt

Auf Einladung des Raiffeisen InvestmentClubs sprach Torsten Hinrichs, Niederlassungsleiter von Standard & Poor’s Deutschland, in Bruneck und Goldrain über Erkenntnisse für die Ratingagenturen nach der Krise. Dabei ging er auch auf die Haushaltsdisziplin der europäischen Staaten und das Vertrauen der Investoren in ihre Länder ein.

Hinrichs, Leiter der 1.100 Mitarbeitern größten Ratingagentur Europas, beschrieb Vorgehensweisen und Maßnahmen der Ratingagenturen bei der Erstellung der Bewertungen und ging auf ihre Bedeutung für die Anlageentscheidungen der Investoren ein. Ratings bieten nur relative Einschätzungen über Kreditrisiken und darüber, inwieweit Schuldner künftig Zahlungsverpflichtungen nachkommen können. „Ratings geben keine Aussagen über die zukünftige Preisentwicklung von Wertpapieren“, sagte Hinrich. Je besser die Ratings von Staaten, Banken, Unternehmen oder Wertpapieren sind, desto geringer ist die Ausfallwahrscheinlichkeit.

Vertrauen der Anleger

Ein Problem an der heutigen Marktsituation sieht Hinrichs in dem seit der Krise geschwächten Vertrauen der Anleger in die Märkte. Seit der Finanzkrise würden die Märkte vorwiegend von Emotionen geleitet anstatt von nüchternen Fakten und Daten. „Die Finanzmärkte sind von einer Schockstarre geprägt, ohne dass es dafür rationale Gründe gäbe“, sagte Hinrichs. Über Jahre hätten die Anleger unbegrenztes Vertrauen in die Staaten trotz deren Haushaltslöcher und Abweichungen von den Maastrichtkriterien gehabt. „Die Dekade des unbegrenzten Vertrauens in Staaten und Märkte wurde mit der Krise von einer bis heute anhaltenden übertriebenen Risikoeinschätzung abgelöst“, sagte Hinrichs. Standard & Poor’s habe bereits seit 2004 Länderratings herabgestuft, u.a. für Griechenland, Irland, Portugal. Noch im Vorjahr hatte Griechenland ein Rating von A, jetzt nur BB+/Negative.

Grenzen des Rating aufgezeigt

Geht Vertrauen in die Märkte verloren und wird deren Stabilität angezweifelt, dann funktioniere auch die Risikomessung der Ratingagenturen nur mehr bedingt, meinte Hinrichs. Gerade durch die steigende Komplexität der Finanzinstrumente, wie etwa die Verbriefungen bzw. strukturierte Finanzprodukte, sei die Markteinschätzung äußerst kompliziert geworden. „Die Krise hat auch die Grenzen des Ratings aufgezeigt“, meinte der Ratingexperte. Eine Regulierung der Ratingagenturen sehe in Zukunft u.a. mehr Unabhängigkeit in der Analyse sichern, gleichzeitig werde aber auch über eine Haftung der Ratingagenturen etwa bei Staatsratings nachgedacht.

Wachstum als Weg aus der Krise

Vertrauen in die Märkte sei unbedingte Voraussetzung für künftiges Wachstum. Im fehlenden Wachstum und in den Unterschieden in der Wettbewerbsfähigkeit der einzelnen Eurostaaten sieht Hinrichs ein weiteres Problem für Europa. Denn die Wettbewerbsfähigkeit entscheide über die Exportfähigkeit und damit über Wachstum. „Der Weg aus der Krise führt über Wachstum und Wachstum führt nur über den Export.“ Diesbezüglich stünden die meisten Eurostaaten nicht sonderlich gut da. Eine Antwort auf die heutige Marktsituation sieht Hinrichs auch in einer vermehrten Markttransparenz. Diese zu schaffen, sei sowohl Aufgabe der Ratingagenturen als auch der Politik. Die Agenturen müssten die Einsicht in die Datenbasis, aufgrund der die Bewertungen vergeben werden, erhalten und es müsse eine rigorose Kontrolle der Daten geben.

Anstrengungen der Staaten

Laut einer Prognose von Standard & Poors steht aus heutiger Sicht keine Besserung der Länderratings ins Haus. Die Staaten müssten nun enorme Anstrengungen leisten, Sparmaßnahmen und die dringenden Reformen bei den Sozialsystemen und im Arbeitsmarkt einleiten, um eine positive Zukunftsvision verwirklichen zu können.

 

 

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