Geschichtlicher Hintergrund von Raiffeisen in Südtirol

Vorreiter im Gadertal

„Nach meiner festen Überzeugung gibt es nur ein Mittel, die sozialen und besonders auch die wirtschaftlichen Zustände zu verbessern, nämlich die christlichen Prinzipien in freien Genossenschaften zur Geltung zu bringen”, schreibt Friedrich Wilhelm Raiffeisen. Freie Genossenschaften verbreiten sich in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts auch in Tirol. 1889 entsteht in Welschellen im Gadertal die erste Südtiroler Raiffeisenkasse. Gründer und Zahlmeister des Spar- und Darlehenskassen-Vereins Welschellen ist der Pfarrer Josef Dasser.

Solidarität statt Spekulation

Als Solidargemeinschaften bilden Raiffeisens Darlehenskassen-Vereine eine Alternative zu privaten und gewinnorientierten Großbanken. Geführt werden diese Genossenschaften von selbstverantwortlich haftenden und gleichberechtigten Mitgliedern. Jeder hat nur eine Stimme – unabhängig vom Umfang des Vermögens. Hilfe zur Selbsthilfe ist laut Raiffeisen „das einzige Mittel, die Kräfte der Bevölkerung auszunutzen”. Das vor Ort gesammelte Geld wird deshalb ausschließlich vor Ort investiert. Dazu kommt der Verzicht auf Kapitalspekulation. Friedrich Wilhelm Raiffeisens Genossenschaftsidee setzt sich in den Tiroler Landgemeinden rasch durch: 1892 arbeiten südlich des Brenners schon 45 Raiffeisenkassen. Vor dem Ersten Weltkrieg steigt die Anzahl der in Südtirol tätigen Spar- und Darlehenskassen auf 125 an.

Neubeginn nach dem 2. Weltkrieg

1925 erreicht die Anzahl der Raiffeisenkassen in Südtirol den Höchststand von 135. Ettore Tolomeis Italianisierungspolitik, die Folgen der Option und die Weltwirtschaftskrise treiben viele Kassen in den Ruin. Im Zeitraum 1934 bis 1944 werden 78 von 135 Raiffeisenkassen geschlossen. Erst nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs ist ein Neuanfang möglich. 1960 schließen sich der „Verband der Raiffeisenkassen” und der „Landesverband der Südtiroler Landwirtschaftlichen Genossenschaften” zum „Raiffeisenverband Südtirol” zusammen. Das Giebelzeichen mit den zwei Pferdeköpfen wird zum offiziellen Symbol der Raiffeisenfamilie. Das ist kein Zufall. Denn dieses Markenzeichen steht
seit Jahrhunderten für Gefahrenabwehr und umfassenden Schutz. Sicherheit durch Selbstbestimmung und Selbstverantwortung.